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Samuel Hahnemann Krankenjournal DF5 (1837-1842)

Krankenjournal DF 5. Transkription und Übersetzung von Arnold Michalowski.
K.F. Haug-Verlag: Heidelberg 1992, 1205 Seiten.
ISBN 3-8304-0273-2, EUR 99,00


Bieten die deutschen Journale Hahnemanns ihren Bearbeiter(inne)n schon hinreichend Probleme aufgrund der teilweise schweren Lesbarkeit, der zahlreichen Abkürzungen und der ihre Bedeutung zum Teil wechselnden Symbole, so besteht für die Forschung hierzulande bei den letzten 17 Journalen zusätzlich eine Sprachbarriere, denn Hahnemann hat sie, seit er sich 1835 mit seiner zweiten Frau Melanie in Paris niedergelassen hatte, in französischer Sprache geschrieben. Und gerade die Pariser Jahre, in der der über Achtzigjährige nach wie vor experimentierte, waren bislang mehr oder weniger unerschlossenes Terrain der Homöopathiegeschichte.

Nicht zuletzt deswegen wurde die nun vorliegende Edition des französischen Krankenjournals DF 5 aus den Jahren 1837-1842 als Textedition des französischen Originals mit deutscher Übersetzung konzipiert. Dieses Journal ist in der Zeit entstanden, als die von Samuel und Melanie Hahnemann gemeinsam geführte Praxis schon derart florierte und insbesondere wohlhabende Patienten des In- und Auslandes anzog, daß das Homöopathenpaar bereits den ersten Pariser Wohnsitz am Jardin du Luxembourg verlassen hatte und in eine geräumigere Wohnung in der Rue de Milan umgezogen war. Denn Konsultationen im Hause des Arztes, wie bei den Hahnemanns üblich, waren in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch keineswegs verbreitet, und in der Regel suchte damals der Arzt seine Patienten in deren Wohnung auf, wobei vor allem reiche Patienten lange den Vorzug genossen, den Arzt in ihr Haus bestellen zu können.

Melanie Hahnemann hatte sich schon tief in die Homöopathie eingearbeitet, hielt mit ihrem Mann zusammen Sprechstunden und nahm häufig die Eintragungen ins Krankenjournal vor, wie ein Blick auf die zwei unterschiedlichen Handschriften in DF 5 deutlich erkennen läßt. Therapeutische Probleme, mit denen sich die Hahnemanns zu dieser Zeit befaßten, waren unter anderem die Potenzierungen, genauer: die Hochpotenzen, aber auch die chronischen Krankheiten, d.h. die Bekämpfung der 'Urmutter der chronischen Krankheiten', der Psora, mit Hilfe von Sulphur, Hahnemanns wichtigster antipsorischer Arznei.

Nimmt man Einblick in die Praxis des Ehepaars Hahnemann, so zeigen sich erhebliche Diskrepanzen zur homöopathischen Theorie, wie sie sich in den zu Hahnemanns Lebzeiten veröffentlichten Schriften findet, insbesondere was die Häufigkeit der Arzneigabe, das Gebot der Verabreichung von nur einem Medikament und die Applikationsformen angeht. So gewähren Transkription und Übersetzung Einblick in Hahnemanns therapeutisches Vorgehen in seinen späten, für die Forschung bislang dunkelsten Jahren.

Die zugrundeliegende Quelle, das Krankenjournal DF 5, hat im Original das Format 16,5 cm x 21 cm x 3 cm und ist in einen 3 mm starken marmorierten Pappband gebunden, dessen Rücken und Ecken mit braunem Schweinsleder eingefaßt sind. Der Buchrücken trägt keine Aufschrift.

Auf der Umschlagsinnenseite findet sich links oben ein Herstellerschild mit der Aufschrift "CHOISNEL PAPETIER, Carrefour de l'Odéon, No 10 à Paris", gleich daneben der Eintrag von Hahnemanns Hand "Mr. Noblet, Mécanicien rue / Bleue 24 -" und in der Mitte des Einbands der nachträglich hinzugefügte Eigentümervermerk "Marie Melanie Hahnemann D'Hervilly", darunter ein Eintrag mit Bleistift von fremder Hand "26. Mai 1839 - 20. Sept 1839".

Das Papier ist gut erhalten, jedoch vergilbt. Die ersten 8 Blätter fehlen, so daß das Journal erst mit Seite 19 beginnt. Die Blätter sind ausschließlich auf den ungeraden Seiten, bis Seite 423 paginiert. Die Paginierung stammt von Hahnemann bzw. seiner Frau Melanie. Die Aufzeichnungen sind durchgängig in lateinischer Schreibschrift geführt, ganz im Gegensatz zu den deutschen Journalen, in denen Hahnemann die gotische Kurrentschrift benutzte. Die Schrifthöhe bewegt sich zwischen 1 und 5 mm. Der Journaltext wirkt in seinem äußeren Erscheinungsbild nicht ganz so unruhig, unübersichtlich und skizzenhaft wie in den deutschen Journalen. Der Grund liegt in einer veränderten Journalführung.

Als Hahnemann im hohen Alter von 80 Jahren nochmals heiratete und mit seiner jungen, 35jährigen Frau nach Paris übersiedelte, änderte er auch den Stil seiner Krankenjournale. Hatte er bis zu seiner Abreise aus Köthen die Behandlung seiner Patienten chronologisch unter dem jeweiligen Datum eingetragen, so versuchte er nun zusammenhängende, patientenorientierte Krankengeschichten zu erstellen. Dies geschah, indem er nach der ersten Konsultation eine oder mehrere Seiten freiließ, um dort den weiteren Verlauf von Krankheit und Therapie zu dokumentieren. Brach ein Patient die Behandlung vorzeitig ab, verwendete Hahnemann den freigehaltenen Platz für Notizen über andere Patienten. Dabei trennte er die verschiedenen Anamnesen durch einen dicken Querstrich über die ganze Seite voneinander. Dieser Umgang mit freien Notizflächen führte vereinzelt dazu, daß sich spätere Eintragungen eines Patienten nicht unbedingt chronologisch in einem weiteren Journal fortsetzen, sondern im selben Journal weiter vorn auftauchen, mit Hilfe von Vor- und Rückverweisen behielt Hahnemann dabei die Übersicht. Trotz neuer Systematik fügen sich Ergänzungen, Querverweise, Unterstreichungen, Kommentare und Zeichnungen um, an und zwischen die in ihrer Ausführlichkeit stark variierenden Krankenberichte. Auch das französische Krankenjournal behält den Charakter einer Kladde, einer vorläufigen Niederschrift. Die Eintragungen beginnen mit dem 26.05.1837 und enden mit dem 21.11.1842.

Im DF 5 sind, abgesehen von den persönlichen Namenseintragungen einiger Patienten, zwei Handschriften zu unterscheiden. Wie schon erwähnt, handelt es sich bei der zweiten Handschrift um die Melanie Hahnemanns, die in Transkription und Übersetzung kursiv gesetzt ist.

Die Übersetzung hat den Charakter einer Arbeitshilfe, sie kann das Original nicht ersetzen, sondern soll lediglich den Zugang erleichtern. Umständlichere Wortwörtlichkeit in der Übersetzung wurde einer kongenialen Form zum Original vorgezogen, dabei waren Probleme der terminologischen Abstimmung der Übersetzung wichtiger als stilistische Fragen. Die problematische Interferenz französischer Termini wie z.B. - transpiration oder crise - wurde im Deutschen durch die terminologisch gewordene Nicht-Übersetzung - Transpiration und Krise - wiedergegeben.

Abweichend von der Transkription und von den Editionsrichtlinien konnte die Originalzeilenzählung in der Übersetzung nicht vollständig übernommen werden, aus technischen Gründen wurde sie nur partiell als Orientierungshilfe weitergeführt. Im übrigen wurde die Übersetzung nach denselben Richtlinien verfaßt wie die Transkription. Unterstreichungen, der Telegrammstil sowie die Zeichensetzung wurden beibehalten, wenn möglich wurde nichts hinzugefügt. Englische und italienische Begriffe wurden übersetzt. Die terminologische Abstimmung ist aufgrund der regelmäßigen und ausführlichen deutschen Einschübe Hahnemanns in den Journaltext (Symptomenauflistung mit entsprechender Medikation) größtenteils gesichert, dank dieser Tatsache waren wesentliche Übersetzungsfragen gelöst. Nur selten fanden sich obersächsische mundartliche Formen in den deutschen Einschüben (wie z. B. "rachsen" für rauh husten).

Probleme beim Übersetzen gab es infolge des schon erwähnten Telegrammstils der Texte bei bisemantischen Begriffen, die in ihrer Bedeutung nur aus dem Zusammenhang einer Krankengeschichte eines Patienten oder aus Parallelstellen in anderen erschlossen werden konnten (z. B. altérer -> verändern oder durstig machen; stupeur -> Ohnmacht, Lähmung oder Schock).

Unstimmigkeiten traten gelegentlich auf, wenn Begriffe ähnlicher Lautung, die im Französischen besonders verbreitet sind, falsch geschrieben waren. Homophone wie z. B. "de son" (unbestimmter Artikel, adjektivisches Possessivpronomen) und "des eaux" (Substantiv plural, Bäder o. ä.), oder wo in einem Patientenbrief an Hahnemann fälschlich "eaux" (Wasser) statt "os" (Knochen) geschrieben stand.

In seinen Verordnungen schreibt Hahnemann sehr oft: "hier" danach die Medikation z. B. "Sulph.R." (R. für respirer oder riechen). Inmitten eines französischen Zusammenhangs würde man sofort an "hier" = gestern denken. Da Hahnemann seine Patienten jedoch auch in seiner Sprechstunde Schwefel inhalieren ließ und dies mit dem Vermerk "hier" im Sinne von "in der Sprechstunde" versah und nicht, wie zu erwarten gewesen wäre, mit dem französischen "ici", bleibt manchmal eine genaue Bestimmung offen.

Der Anhang enthält die Transkription und Übersetzung ausschließlich der Briefe, losen Konsultationsberichte und Notizen (sie waren ursprünglich von Hahnemann ins Krankenjournal eingelegt oder eingeklebt), deren Fundort bei Beginn der Bearbeitung mit Sicherheit festgestellt werden konnte. Andere lose Briefe und Notizen waren bereits früher ausgegliedert worden. Zwar gibt es vereinzelt Hinweise Hahnemanns auf weitere Briefe und Notizen im Journaltext, die Zusammenführung der Fundstücke mit dem Krankenjournal wird jedoch, soweit es sich um Patientenbriefe handelt, erst mit der Fertigstellung der Patientendatenbank aufgrund der Daten möglich sein. Im übrigen gilt editorisch für die Texte im Anhang dasselbe wie für den gesamten Journaltext.

Bei der Beschäftigung mit Hahnemanns Praxis, wie sie sich im Journal DF 5 widerspiegelt, wird sich der Leser zweifellos manche Frage nach inhaltlichen Zusammenhängen stellen, auf die er in einer reinen Textedition keine Antwort findet. Hier kann nur auf den Kommentar von Karl-Otto Sauerbeck verwiesen werden, der zu zahlreichen Aspekten des Textes sehr nützliche Analysen, Sachregister und Tabellen enthält.

Arnold Michalowski