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Verbreitung und Entwicklung

Für die Verbreitung der Homöopathie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren mehrere Faktoren von Bedeutung. Wohlhabende und prominente Förderer trugen zur öffentlichen Anerkennung der Homöopathie bei. Das gesellschaftliche Ansehen der Mäzene verhalf ihr zu Aufmerksamkeit in weiten Bevölkerungskreisen.

Seit ca. 1870 beschleunigten vor allem Zehntausende Mitglieder von Laienvereinen die Verbreitung der Homöopathie. Zentren waren Württemberg und Sachsen.

Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts gingen einige homöopathische Apotheken zur industriellen Fertigung über. Durch moderne Werbemaßnahmen erschlossen sie wachsende Kundenkreise.

Mitte des 19. Jahrhunderts wurden an einigen deutschen Universitäten Vorlesungen über Homöopathie gehalten. Doch erst 1928 wurde an der Berliner Universität wieder ein eigener Lehrauftrag für Homöopathie erteilt.

Die Nationalsozialisten integrierten vorübergehend die Homöopathie, wie auch andere nicht-schulmedizinische Heilverfahren, in ihre Gesundheitspolitik. Viele Homöopathen glaubten, dass damit die seit langem angestrebte öffentliche Anerkennung in greifbare Nähe rückte.
Stifter – Mäzene – Förderer
Durch eigene Heilungserfahrungen wurde eine Reihe wohlhabender prominenter Männer und Frauen zu großzügigen Förderern der Homöopathie.

Julie Prinzessin zu Oettingen-Wallerstein (1807 – 1883) war in München durch ihren Leibarzt mit der Homöopathie bekannt geworden. 1883 floss eine Schenkung der Prinzessin in eine Stiftung, mit der das Homöopathische Spital München (1883 – 1912) finanziert wurde.

Robert Bosch d. Ä. (1861 – 1942) wurde bereits als Kind homöopathisch behandelt. Nach kriegsbedingtem Scheitern eines ersten Projektes begann 1921 der Betrieb eines Behelfs-Krankenhauses. 1940 wurde das neu erbaute Robert-Bosch-Krankenhaus eröffnet. Dort wurden bis in die 1960er Jahre die meisten deutschen homöopathischen Ärzte ausgebildet.
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Homöopathische Laienvereine
Zwischen 1870 und 1933 gab es in Deutschland mehrere hundert homöopathische Laienvereine, zunächst vor allem in Württemberg und Sachsen.

Diese Laienvereine organisierten den Vertrieb von Arzneimitteln zur Selbstmedikation und die Ansiedlung homöopathischer Ärzte in ihren Gemeinden. Außerdem setzten sie sich für die Einrichtung homöopathischer Lehrstühle an den Universitäten und die Gründung homöopathischer Krankenhäuser ein. Auf Vortragsabenden informierten sie ihre Mitglieder über die homöopathische Behandlungsmethode. Da die Vereine zu den wichtigsten Abnehmern ihrer Produkte gehörten, unterstützten die Arzneimittelfirmen deren Bildungsarbeit.

Im Jahr 1933 ließen sich die homöopathischen Vereine bereitwillig gleichschalten. Während des Zweiten Weltkrieges stellten sie ihre Tätigkeit zum großen Teil ein. In der Nachkriegszeit gab es in der DDR einige erfolglose Versuche, die Vereine wieder zu aktivieren. In der Bundesrepublik konnten sie zunächst die Mitgliederzahl der Vorkriegszeit nicht mehr erreichen. Seit den 1980er Jahren verzeichnen homöopathische Laienvereine jedoch wieder einen verstärkten Zulauf.
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Homöopathische Laienheiler und Heilpraktiker
Schon zu Hahnemanns Lebzeiten praktizierten viele Laien die Homöopathie; so auch seine zweite Frau Mélanie Hahnemann und sein Schüler Clemens von Bönninghausen.

Freiherr Dr. Clemens von Bönninghausen (1785 – 1864) war Jurist und Botaniker. Homöopathisch von einer Lungentuberkulose geheilt, wurde er Schüler Hahnemanns. Aufgrund seiner Erfolge als Laienheiler durfte Bönninghausen ab 1843 auch ohne Medizinstudium in Preußen praktizieren. Seine bekannteste Patientin war die Dichterin Annette von Droste-Hülshoff.

Mélanie d’Hervilly-Gohier (1800 – 1878) kam als Patientin zu Samuel Hahnemann nach Köthen und heiratete ihn 1835. Nach der gemeinsamen Übersiedlung nach Paris betrieben sie dort eine renommierte Praxis. Von 1857 an führte Mélanie Hahnemann diese gemeinsam mit ihrem Schwiegersohn, dem Arzt Carl von Bönninghausen.

Arthur Lutze (1813 – 1870) ließ sich nach einem unsteten Leben als Postbeamter und homöopathischer Laienheiler 1850 in Köthen nieder. Die von ihm dann gegründete Lutze-Klinik bestand unter wechselnden Direktoren bis ca. 1915.

Das Heilpraktikergesetz von 1939 brachte den Laienheilern die lang ersehnte Anerkennung. Nach 1945 konnte sich die Berufsgruppe der Heilpraktiker nicht nennenswert vergrößern. Erst in den letzten Jahrzehnten, in denen das Vertrauen in die Apparatemedizin erschüttert wurde, nahm ihre Zahl wieder zu.
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Vom Handwerksbetrieb zum Weltunternehmen
Fast überall in Deutschland war es Ärzten verboten, Medikamente direkt an die Patienten abzugeben. Doch konventionell produzierte Arzneien entsprachen häufig nicht den Anforderungen der Homöopathen. Ab den 1830er Jahren wurden deshalb rein homöopathische Apotheken gegründet, die sich streng an die Vorschriften Samuel Hahnemanns hielten. Diese noch handwerklich arbeitenden Betriebe konnten die steigende Nachfrage bald nicht mehr befriedigen. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts gingen daher einige Firmen zur industriellen Produktion über.

Der Apotheker Willmar Schwabe (1839 – 1917) gründete 1866 die „Homöopathische Centralofficin Dr. Willmar Schwabe in Leipzig“. Seine Firma expandierte schnell und unterhielt bald weltweit Filialen. In seinem ebenfalls 1866 gegründeten Verlag gab Schwabe über 200 wissenschaftliche und volkstümliche Bücher zur Homöopathie heraus. Seine „Pharmacopoea homoeopathica“ (1872) diente noch 1978 dem amtlichen „Homöopathischen Arzneibuch“ als Grundlage.

Der Apotheker Dr. Gerhard Madaus gründete mit seinen Brüdern Hans und Friedemund 1919 ein pharmazeutisches Labor, das später nach Radebeul (Sachsen) verlegt wurde.

Mit modernen Werbekonzepten, verlegerischen Aktivitäten und Weiterbildungsangeboten für homöopathische Ärzte, Heilpraktiker und Laien erschlossen diese Firmen immer weitere Kundenkreise.
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Krankenkassen
Früher als in anderen europäischen Ländern wurde 1883 in Deutschland die gesetzliche Krankenkasse gegründet. Schon bald war die Anerkennung naturheilkundlicher Behandlung und homöopathischer Therapie durch die Kassen umstritten. Fast überall waren die Krankenkassen insbesondere gegenüber der Homöopathie sehr zurückhaltend.

Lediglich in Sachsen gab es kassenärztlich zugelassene Homöopathen. Die Ortskrankenkassen übernahmen dort die Kosten für die homöopathische Behandlung. Die Ortskrankenkasse Leipzig hatte darüber hinaus sieben Belegbetten im homöopathischen Krankenhaus. 1910 gab es in ihrem Vorstand eine starke Lobby für die Förderung der Homöopathie. Vorsitzender war der Pharmazeut Dr. Willmar Schwabe.

Die Kosten einer homöopathischen Behandlung, die im Arzneimittelgesetz als besondere Therapierichtung geführt wird, werden seit den 1990er Jahren durch immer mehr Krankenkassen übernommen.
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Grenzgänger im Wissenschaftsbetrieb
Trotz der Ablehnung durch die „Schulmedizin“ haben immer wieder konventionelle Ärzte und Naturwissenschaftler die Homöopathie unvoreingenommen geprüft. Prominente Beispiele sind der Pharmakologe Hugo Schulz (1853 – 1932) und der Chirurg August Bier (1861 – 1949).

Nachdem sich Hugo Schulz mit den Prinzipien der Homöopathie auseinandergesetzt und öffentlich positiv geäußert hatte, wurde er von seinen Fachkollegen ausgegrenzt. August Bier löste eine heftige Debatte aus, als er 1925 in einem Aufsatz die Frage aufwarf: „Wie sollen wir uns zu der Homöopathie stellen?“ Die sich daran anschließende Kontroverse trug wesentlich zur öffentlichen Wahrnehmung der Homöopathie in den 1920er und 1930er Jahren bei.
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Homöopathie im Ersten Weltkrieg
Während des Ersten Weltkrieges wurden nicht wenige homöopathische Ärzte zu den Sanitätskompanien eingezogen. So kamen auch Patienten, die sich gewöhnlich konventionell behandeln ließen, mit der Homöopathie in Berührung. Die Arzneimittelhersteller boten in den Kriegsjahren speziell entwickelte homöopathische Feldapotheken an, die auch über Laienvereine zur Selbstmedikation vertrieben wurden.

In Stuttgart unterhielt der „Verein Stuttgarter Homöopathisches Krankenhaus“ mit Unterstützung des württembergischen Laienvereins „Hahnemannia“ von 1914 bis 1919 ein homöopathisches Kriegslazarett. Ähnliche Lazarette gab es auch in anderen europäischen Staaten.
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Der Lehrstuhlstreit
Im 19. Jahrhundert waren Anträge zur Einrichtung homöopathischer Lehrstühle an den Universitäten in den Landtagen von Baden, Sachsen, Preußen und Württemberg gescheitert. Dennoch konnten bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts einzelne Dozenten und Professoren in München und Leipzig Vorlesungen über Homöopathie halten.

Um 1900 befassten sich erneut mehrere Landtage mit der Lehrstuhlfrage. Doch erst 1928 stimmte der Preußische Landtag nach langen Verhandlungen einem Lehrauftrag an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität zu. Der Arzt Ernst Bastanier (1870 – 1953) übernahm diese Aufgabe und leitete gleichzeitig ab 1929 die homöopathische Universitätspoliklinik.
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Homöopathie und Nationalsozialismus
Nach der Machtergreifung begannen die Nationalsozialisten, das Gesundheitswesen nach ihren ideologischen Vorstellungen zu gestalten. Der Reichsärzteführer Dr. Gerhard Wagner (1888 – 1939) gründete 1935 die Reichsarbeitsgemeinschaft für eine „Neue Deutsche Heilkunde“, in der neben den verschiedenen Naturheilverfahren auch die Homöopathie vertreten war.

Viele Homöopathen sahen damit die seit langem angestrebte öffentliche Anerkennung in greifbare Nähe rücken. Ähnlich wie Vertreter der anderen ärztlichen Berufsgruppen ließen sich auch homöopathische Ärzte und Laien von den Nationalsozialisten vereinnahmen oder sympathisierten mit ihnen.
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