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Selbsttötungen von Seeleuten, 1890 – ca. 1950

Dr. Nicole Schweig
Die Selbsttötungsrate unter Seeleuten stieg auf Dampfschiffen deutscher Reedereien mit Beginn der 1890er Jahre stark an. Hiervon waren vor allem die unteren Mannschaftsgrade ab Bord betroffen. Die Kommission für Dampfschifffahrt in Berlin setzte daraufhin 1898 einen Untersuchungsausschuss ein, der sowohl die Lebens- und Arbeitsbedingungen an Bord dieser Schiffe als auch die Suizide überprüfte.

Die Akten des Untersuchungsausschusses liegen im Staatsarchiv Hamburg und werden unter anderem im Rahmen dieses Projektes ausgewertet. Dabei stehen die unterschiedlichen Interessen der jeweiligen Protagonisten im Fokus: Welche Verantwortung trugen die Reedereien an solchen Taten und welche finanziellen Verpflichtungen ergaben sich daraus? Welche Möglichkeiten hatten die Angehörigen der toten Seeleute, Entschädigungsleistungen und Rentenansprüche durchzusetzen? Mit welchen Argumenten versuchten die Berufsgenossenschaften und Versicherungen, die Übernahme solcher Ansprüche zu verhindern?

Des Weiteren werden die Strukturen und Netzwerke, in die die Seeleute eingebunden waren, in den Blick genommen. Wurden im Vorfeld einer Tat Suizidabsichten geäußert? Und wenn ja, an wen richteten sich diese Äußerungen? Wendeten sich suizidgefährdete Seeleute eher an die Familie zu Hause oder an Arbeitskollegen an Bord? Inwieweit konnte das familiäre Netzwerk über die häufig großen Entfernungen überhaupt Unterstützung gewähren? Gab es an Bord Personen, die fehlende familiäre Netzwerke ersetzen konnten? Um diese Fragen zu beantworten, werden die im Landesarchiv Schleswig lagernden Untersuchungsakten zu Selbsttötungen von Seeleuten des Seeamts Flensburg und Hamburg herangezogen.

Im Landesarchiv Berlin befindet sich zudem die Sammlung eines Kriminalbeamten aus Berlin, die zahlreiche Polizeiakten über Selbsttötungen aus dem Zeitraum von Anfang der 1920er Jahre bis 1945 enthält. Der Vergleich der Suizide von Arbeitern und Seeleuten soll eventuelle spezifische Merkmale der an Bord eines Schiffes ausgeführten Selbsttötungen sichtbar machen.