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Quellen und Studien zur Homöopathiegeschichte
Band 15

Inge Christine Heinz, "Schicken Sie Mittel, senden Sie Rath!" Prinzessin Luise von Preußen als Patientin Samuel Hahnemanns in den Jahren 1829 bis 1835.
KVC Verlag, Essen 2011.
ISBN 978-3-86864-007-6

Zusammenfassung

Um die Behandlung der Prinzessin Luise durch Samuel Hahnemann in den Jahren 1829 bis 1835 möglichst umfangreich zu dokumentieren, wurden fol-gende Quellen herangezogen:
-    die entsprechenden Krankenjournaleinträge Hahnemanns von D33-D38
-    die Briefe und Berichte der Prinzessin an Hahnemann aus den Jahren 1831-1835
-    der Briefwechsel zwischen Hahnemann und Aegidi in den entsprechenden Jahren, soweit dieser sich auf die Behandlung der Prinzessin bzw. ihrer Familie bezieht
Die Suche nach den Briefen Hahnemanns an die Prinzessin war erfolglos; vermutlich hat sie selbst die Briefe vernichtet.
Die genannten Quellen wurden für die vorliegende Arbeit transkribiert, soweit sie nicht bereits maschinenschriftlich oder publiziert Vorlagen, und mit knappen Kommentaren ediert. Die Gesamtheit der Briefe und Berichte der Prinzessin an Hahnemann wird hiermit zum ersten Mal veröffentlicht. Dazu war es auch erforderlich, das Leben der Prinzessin Luise Friedrich von Preußen ausführlich darzustellen, während es bei Hahnemann genügte, sich auf wichtige Ereignisse aus seinem Leben während der Jahre 1829-1835 zu be-schränken. Sein Therapiekonzept wurde stichwortartig umrissen, die wich-tigsten Veränderungen in seinen Schriften im genannten Zeitraum wurden untersucht.
Aus den Quellen ließ sich damit die bis jetzt umfangreichste publizierte Krankengeschichte aus dem Nachlass Hahnemanns rekonstruieren. Die Prin-zessin bezeichnete, abgesehen von einer großen Anzahl körperlicher Be-schwerden, als Hauptmotiv der Konsultation Hahnemanns „ihre" Lach- und Weinkrämpfe. Es wurde versucht, ihr Krankheitsbild einer historischen Deu-tung bzw. retrospektiven Diagnose zu unterziehen, wobei sich zeigte, dass „homöopathische Diagnosen" in der Geschichte kaum einem Wandel unter-worfen sind im Unterschied zu den schulmedizinischen „Krankheitsnamen- Diagnosen".
Bei Luise kam eine Fülle therapeutischer Maßnahmen zur Anwendung, die von der Verordnung zahlreicher homöopathischer Heilmittel - immer in der Potenz C30 - über Placebos, Spiritus nitri dulcis, Diät und Lebensordnung, Mesmerismus, Magnetismus bis hin zur Psychotherapie reichten. Die Prinzessin erhielt anfangs die homöopathischen Arzneien in einer oralen Ein-zelgabe, die Hahnemann bis zu sieben Wochen auswirken ließ, ab 1831 ver-  
ordnete er alle Arzneien als Riechmittel, wobei er im Jahre 1832 zum Beispiel Sulphur mehrmals alle zwei Wochen riechen ließ. Auch weitere Maßnahmen und Hausmittel der Prinzessin werden in den Quellen erwähnt, außerdem Hahnemanns Ablehnung der Pockenimpfung. Er schöpfte alles aus, was seine Heilkunst umfasste. Dabei hielt er sich in der Praxis weitgehend an die Theorie seiner Veröffentlichungen, auch was die sogenannte antipsorische Therapie anging.
Aufgrund einer Überschneidung zwischen einem Krankenjournaleintrag Hahnemanns und einem Brief der Prinzessin lässt sich nachweisen, dass Hahnemann akribisch genau in sein Journal exzerpierte. Eine weitere Beson-derheit dieser Krankengeschichte liegt in der gleichzeitigen Behandlung durch Hahnemarm und den von ihm vermittelten Leibarzt Dr. Karl Julius Aegidi seit dem Frühjahr 1831. Die Korrespondenz der beiden Ärzte zur Therapie der Prinzessin bietet wichtige zusätzliche Informationen. Die Prinzessin selbst setzte sich gegen alle Widerstände am Düsseldorfer Hof für die Homöopathie ein und erreichte, dass sich sowohl ihr Ehemann als auch ihre zwei Söhne zur Homöopathie „bekehrten". Ihre Wertschätzung Hahnemanns ging so weit, dass er ihr engster Vertrauter wurde, den sie in allen sie betreffenden Problemen zu Rate zog. Eine andere Spezifität der Berichte stellen die vielen Traumschilderungen dar, die in der Schulmedizin jener Zeit keine Rolle spielten, während Hahnemann die bei den Arzneimittelprüfungen auftretenden Träume verzeichnete, jedoch keine Gesamtdeutung unternahm. Die „Reizbarkeit" der Prinzessin führte dazu, dass sie in der laufenden Behandlung häufig Arzneimittelsymptome produzierte, die Hahnemann in die 2. Auflage seiner Chronischen Krankheiten übernahm, ein Verfahren, das er jedoch nur „Meistern der Beobachtung" zugestand.
In den Briefen Luises finden sich auch Informationen über die Zustände an den Höfen; oft wird ihr Ehemann erwähnt, auch ihre Kinder werden hin und wieder genannt, ebenso ihr Vater, ihr Bruder und König Friedrich Wilhelm III. von Preußen.
In den früheren allopathischen Behandlungen und den Badekuren sah Hahnemann eine Erschwernis für die Heilung der Prinzessin. Dazu kamen ihre Probleme mit dem Hofleben, das sie zwar dank Hahnemanns psychologischer Unterstützung immer besser meisterte, das sie aber nicht „ablegen" konnte. Ein weiteres Heilungshindemis, das Hahnemarm, aber auch die Prinzessin selbst, nie erwähnten, bestand in der Familienpathographie, der schweren seelischen Krankheit ihrer Mutter, weiterer Vorfahren und ihres Bruders. Sie selbst wurde zwar älter als alle ihre Ahnen, ihr Bruder und ihr Ehemann, aber mit etwa 50 Jahren - ungefähr 15 Jahre nach Beendigung der Behandlung durch Hahnemann - fiel sie in eine schwere Gemütskrankheit.
Generell hielt sich Hahnemann an seine im jeweiligen Zeitraum vertretenen Vorschriften, so wie sie in seinen Publikationen festgehalten sind.
Ein Vergleich der Briefe und Berichte der Prinzessin mit anderen veröf-fentlichten Patientengeschichten ergibt, dass Luise Probleme hatte, ihre Gefühle zu beschreiben, obwohl Hahnemann ihr ganzes Vertrauen besaß und das Patientin-Arzt-Verhältnis als enger bezeichnet werden kann als bei anderen Briefpatienten. Deshalb erscheint es verwunderlich, dass nach Hahne- manns Übersiedlung nach Paris kein einziger Brief mehr vorliegt. Ein Vergleich der Hahnemannschen Erstanamnesen zeigt, dass ihr Umfang sehr unterschiedlich ist und die Verordnung der einzelnen Heilmittel nicht immer eindeutig nachvollzogen werden kann, da es häufig so aussieht, als ziehe er „nur" die körperlichen Symptome für die Arzneimittelwahl in Betracht. Es fällt auf, dass Hahnemann seit etwa 1829 vermehrt Antipsorica anwendete, gemäß seinen Erkenntnissen zur Behandlung der chronischen Krankheiten, die er bis zu seinem Lebensende studierte. Abgesehen von seinem Prinzip „Similia similibus curentur", das er 1790 formuliert hatte, veränderte er immer wieder die Potenzierung, die Verabreichungsform und die Dosis seiner Heilmittel.

Schluss

Es wäre gut vorstellbar, dass Luise - hätte sie ein paar Jahrzehnte später gelebt - auch Sigmund Freud hätte konsultieren können, da sie ihr Leben lang viele medizinische Koryphäen aufsuchte. Wäre bei ihr, als junger Frau, die Psychoanalyse zur Anwendung gekommen, hätte sie vielleicht eine Besserung ihres Gesundheitszustandes erreichen können. „Es ist so wohlthuend und so beruhigend für das Gemüth wenn man sich unbefangen aussprechen darf."1198 Diese Äußerung kehrt unzählige Male in ihren Briefen an Hahnemann wieder. Seine Gabe, sich in sie einzufühlen, sie anzuhören und ihr zu raten, scheinen ihr mehr geholfen zu haben als alle Bemühungen rein medikamentöser Art. Zusammen mit der Verabreichung höherer Potenzen, wie der von Hahnemann in Paris verwendeten LM-Potenzen, hätte sie vielleicht weniger „an sich" gelitten. Aber sie hat Hahnemann wohl nie in Paris aufgesucht und nach seiner Übersiedlung dorthin die briefliche Verbindung abgebrochen.
Die zahlreichen, ausführlichen Briefe der Prinzessin an Hahnemann, ob-wohl sie Aegidi als Leibarzt hatte, sind ein Beweis dafür, dass sie vor allem Hahnemanns psychotherapeutische Hilfe suchte und schätzte, die ihn vor Aegidi auszeichnete, der, wie wir sahen, zwar ein guter „normaler" Homöopath war, aber aufgrund seines Alters noch nicht über die Erfahrung und das Wissen Hahnemanns verfügte, der spürte, was die Prinzessin im wesentlichen brauchte: einen Arzt für ihre Seele.
Die Behandlung der Prinzessin Luise zeigt auch, dass Hahnemann - ganz im Gegensatz zur radikalen Vehemenz, die seine Publikationen kennzeichnet - sich als echter Heilkünstler erweist, indem er auch ein nicht potenziertes Riechmittel, nämlich Spiritus nitri dulcis, anwenden lässt, da es bei bestimmten Beschwerden der Prinzessin immer hilfreich war. Ebenfalls zeigt sich, dass ein zu strenges Verfolgen einer Theorie, mag sie auch noch so genial erscheinen, in manchen Fällen unangemessen sein kann, wie in diesem Fall die häufige Anwendung verschiedenster Antipsorica und das Insistieren Hahnemanns auf der 30. Centesimalpotenz.
Im Hinblick auf eine Ethik der Medizin zeigt der „Fall" der Prinzessin Luise anschaulich, dass es nicht darum geht, Patienten nach einer Doktrin zu behandeln, was Hahnemann und der Homöopathie vorgeworfen wurde und wird, sondern die jeweils passende Therapieform zur Behandlung aus einer Vielzahl von Möglichkeiten auszuwählen. Es sollte also heutzutage nicht mehr darum gehen, ob die Homöopathie oder die Allopathie oder sonst eine Therapieform „den Sieg davontragen", sondern schlicht und einfach sollten im Medizinstudium möglichst alle Methoden vorgestellt werden, die bei Kranken für einen Gesundungsprozess förderlich sein können, so dass der Arzt befähigt wird, in jedem individuellen Fall die angemessene Behandlung für seinen Patienten zu wählen, bzw. sollte er verpflichtet sein, Alternativen zu einer allopathisch-pharmazeutischen Therapie aufzuzeigen.
Hahnemanns Hauptwerk nennt sich Organon der Heilkunst, und der § 1 dürfte allgemeine Gültigkeit besitzen:
„Des Arztes höchster und einziger Beruf ist, kranke Menschen gesund zu machen, was man heilen nennt."