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Quellen und Studien zur Homöopathiegeschichte
Band 13

Samuel Vijaya Bhaskar Poldas, Geschichte der Homöopathie in Indien: von ihrer Einführung bis zur ersten offiziellen Anerkennung 1937
K.F. Haug Verlag: Stuttgart 2009.
ISBN 978-3-8304-7345-9

Zusammenfassung

Das Yunani kam mit „Schwert und Halbmond“ der Muslime nach Indien, die Allopathie mit Handel und Diplomatie der Portugiesen und Briten, die Homöopathie aber kam „auf leisen Sohlen“, ohne großes Aufsehen zu erregen. Alle Medizinsysteme erhielten die Möglichkeit, sich in Indien zu integrieren, und genießen heute eine offizielle Gleichberechtigung, die sonst nirgendwo auf der Welt zu finden ist. Die Homöopathie wurde auf dem Subkontinent während der britischen Kolonialherrschaft in der ersten Hälfe des 19. Jahrhunderts, noch zu Lebzeiten ihres Begründers Samuel Hahnemann, eingeführt. Dies war ein Meilenstein in der Medizingeschichte des Landes; hiermit fand ein fünftes Heilverfahren seinen Einzug in Indien. Davor gab es dort Ayurveda, Siddha, Yumn-i-Tibb und Allopathie. Nach offizieller Meinung kam die Homöopathie zum ersten Mal im Jahre 1839 über Lahore im heutigen Pakistan durch den Siebenbürger Sachsen Johann Martin Honigberger nach Indien. Wie in der vorliegenden Arbeit nachgewiesen, wurde sie jedoch von verschiedenen Menschen, unabhängig voneinander, in mehreren Teilen des Landes eingeführt.
In der Anfangsphase (1839-1860) wurde die Homöopathie von den europäischen Homöopathen und Laienheilern aus den Reihen der britischen Militäroffiziere, Zivilbeamten und Missionare ausgeübt. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts praktizierten bekannte europäische Homöopathen wie Honigberger, Tonnerre, Berigny und Salzer in Kalkutta. Der erste indische Laienheiler Rajendra Datta, „Father of Homoeopathy in India“, leistete einen großen Beitrag zur Entwicklung der Heilmethode in Indien seit ca. 1850 und praktizierte ab 1861 selbst. Auch der Schulmediziner Mahendra Lai Sircar, der 1867 in Erscheinung trat, leistete der Homöopathie einen großen Dienst. Ihm nachfolgend traten zahlreiche einheimische Allopathen in den 1880er-Jahren zu Hahnemanns Heilkunde über. Damit kam Schwung in die homöopathische Bewegung in Indien. In jenem Jahrzehnt entstanden die ersten homöopathischen Ausbildungseinrichtungen in Kalkutta, die für stetigen Ärzte-Nachwuchs sorgten. Krankenhäuser wurden seit 1845 in regelmäßigen Abständen durch den Beitrag der Gönner gegründet. Die einheimischen Homöopathen ermöglichten ihre Errichtung mithilfe von Gönnern aus den Reihen der indischen Könige, einiger Kolonialbeamter und einheimischer Bürger. Einzelne homöopathische Zeitschriften erschienen ab 1868, Literatur wurde ebenfalls ab 1868 auf Englisch und ab 1870 auf Bengalisch herausgegeben, und die ersten homöopathischen Arzneimittelhersteller sind ab 1866 zu finden. Mit der Übersetzung homöopathischer Literatur in die einheimischen Sprachen wuchs die Zahl der Laienheiler stetig und mit der Gründung von Lehrstätten auch die Zahl der ausgebildeten Homöopathen. Diese zwei Aspekte waren, wie in der vorliegenden Arbeit nachgewiesen, maßgeblich für die große Verbreitung der Heilmethode in Indien.
Die Nachfrage nach Ausbildungsmöglichkeiten verursachte einen großen Zuwachs von entsprechenden Institutionen zu Beginn des 20. Jahrhunderts, die wiederum mehr und mehr Homöopathen auf den Markt schickten. Die Übersättigung des lokalen Medizinmarktes erzwang den Wegzug der Ärzte in andere Teile Indiens außerhalb von Bengalen. Eine negative Folge der raschen Entstehung von Ausbildungsinstitutionen war der Verfall des Unterrichtsstandards. Dadurch wurden nicht ausreichend, in manchen Fällen gar nicht ausgebildete Homöopathen dem medizinischen Markt überlassen. Diese Entwicklung beschädigte den Ruf der Heilmethode. Die Bemühungen der Homöopathen in den 1920er- und 1930er-Jahren, ihren Ruf wieder herzustellen, waren erfolglos. Aber durch ihren Einsatz wurde sie 1937 zum ersten Mal auf der nationalen Ebene offiziell anerkannt. Nach weiteren langen Bemühungen der Homöopathen ergriffen die Regierungen in den Bundesstaaten ab 1943 nach und nach Maßnahmen zur Regelung der homöopathischen Ausbildung. Die endgültige Regulierung wurde erst ab 1974 durch die Zentralregierung in Neu Delhi gewährleistet.
Seit ihrer Einführung bis zum Jahre 1867 gab es keine öffentliche Opposition seitens der Schulmedizin gegen Hahnemanns Heilkunde in Indien. Am 16. Februar 1867 jedoch, als der Allopath Dr. Mahendra Lai Sircar einen Vortrag über die Homöopathie vor der British Medical Association (BMA) in Kalkutta hielt und infolgedessen aus der Gesellschaft ausgeschlossen wurde, nahm die Öffentlichkeit diese Gegnerschaft erstmals wahr. Bis dahin hatten die Schulmediziner die Homöopathie für irrational gehalten, ihr keinen bleibenden Erfolg vor-hergesagt und deshalb auch keine Beachtung geschenkt. Als aber einer ihrer Besten aus den eigenen Reihen zur Homöopathie übertrat, reagierten sie mit seinem Ausschluss aus der BMA, vermutlich in der Hoffnung, dass diese drastische Maßnahme Sircar und seine potenziellen Nachfolger zur Besinnung und Rückkehr zur Schulmedizin bewegen würde. Zu ihrer Enttäuschung blieb Sircar in seiner Entscheidung fest, obwohl er dadurch seine gut laufende Praxis verlor. Weitere Übertritte folgten. Die wachsende Anerkennung der Homöopathie und die immer größer werdende Zahl der Patienten, die die homöopathische Behandlung bevorzugten, beunruhigte die Schulmediziner und rief ihren Widerstand hervor. Weil sie in der Kolonialregierung tätig waren, hoffte man, diese dazu bewegen zu können, die Entwicklung von Hahnemanns Heilkunde in Indien zu verhindern. Dennoch traute sich die Regierung nicht, Gesetze gegen die Homöopathie zu erlassen, erstens, weil diese in England florierte, und zweitens, weil sie durch britische Militäroffiziere, Zivilbeamten und Missionare praktiziert und gefördert wurde. Diese Zurückhaltung begünstigte die Entwicklung der Heilmethode in Indien von 1839 bis etwa 1900. Erst im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts wurden Gesetze erlassen, die die Homöopathie teilweise behinderten. Es wurde z.B. der Gebrauch des Arzttitels (Dr.) auf bestimmte medizinische Qualifikationen beschränkt. Dies erschwerte die Registrierung homöopathischer Ärzte, behinderte jedoch nicht die Ausübung der Heilmethode.
Das leise Eintreten der Homöopathie ohne Unterstützung der Kolonialherrschaft war der erste Grund für ihre Akzeptanz in Indien. Der ihrer Einführung vorausgegangene Gesellschaftswandel, vor allem in Bengalen, wirkte sich ebenfalls auf ihre Akzeptanz aus. Die britische Regierung in Indien brauchte einen Vermittler zwischen sich und dem indischen Volk, um das Land zu regieren. Aus dieser Notwendigkeit heraus entstand eine neue Mittelschicht mit Englischkenntnissen. Am Anfang ihres Umgangs mit'den Briten war sie als Nutznießerin von allem Westlichen begeistert, nahm wahllos alles an und imitierte die Kolonialherren. Im Laufe der Zeit merkte sie jedoch, dass nicht alles Westliche nachahmenswert war, weil die eigene kulturelle Identität dadurch bedroht wurde. Sie lernte, die Dinge aus dem Westen kritisch zu betrachten, und nahm nur das an, was aus ihrer Sicht nützlich war. Dazu kam die diskriminierende Haltung der Briten gegenüber den Einheimischen, welche das Nationalbe-wusstsein der Inder entfachte. Dieser vorausgegangene Wandel der indischen Gesellschaft war ein wichtiger Aspekt, der der Homöopathie den Boden bereitete. Für die neu entstandene Mittelschicht war Hahnemanns Heilkunde als Gegenpol zu der kolonialen, sich modern wähnenden Schulmedizin interessant, weil sie auch wegen ihrer westlichen Herkunft als modern galt. Die Mitglieder jener Mittelschicht, die die Homöopathie zuerst akzeptierten und sich um ihre Verbreitung bemühten, waren diejenigen, die homöopathische Ausbildungseinrichtungen, Dispensarien, Krankenhäuser und Arzneimittelfirmen gründeten, entsprechende Literatur herausgaben, wichtige homöopathische Werke in die Landessprachen übersetzten und selber die Heilmethode mit Überzeugung ausübten. Die aus dem Gebiet Bengalen in andere Teile des Landes ausgewanderten Bürger und die Studenten aus verschiedenen Regionen, die nach ihrer Ausbildung an den homöopathischen Schulen und Colleges in Kalkutta nach Hause zurückkehrten, sorgten für die räumliche Verbreitung der Homöopathie.
Die Homöopathie selbst als neuartiges Medizinsystem, das sich gegen die etablierten schulmedizinischen Ansätze stellte, war ein Wunderwerk, das mit „verdünnten“ Mitteln Krankheiten heilte. Diese neue, irrational erscheinende Methode der Homöopathie, die dennoch wirksam war, gab Grund zur Bewunderung. Das Gegensätzliche an dem neuen System - die Steigerung der therapeutischen Wirksamkeit eines Arzneimittels durch die systematische „Verdünnung“ (Potenzierung) - faszinierte die Menschen und weckte ihre Neugierde, es zu lernen und auszuüben. Das bezeugen die hohen Zahlen der Laienheiler. Der starke Zuwachs unter ihnen ist auf die leichte, kostengünstige Erlernbarkeit und die allgemeine Zugänglichkeit der Homöopathie zurückzuführen.
Aufgrund der Zwangseinführung von Sanitätsmaßnahmen und Impfungen durch die Kolonialmacht wurde die Bevölkerung der Allopathie und der Regierung gegenüber skeptisch; auch religiöse und philosophische Hintergründe sorgten für Abneigung gegen die Schulmedizin. Im Gegensatz dazu standen die Inder durch die fürsorgliche, karitative Einstellung der Ho-möopathen deren Heilmethode aufgeschlossen gegenüber. Diese Aspekte versetzten die Ho-möopathie in eine günstige Lage für einen bleibenden Erfolg. Die besseren Heilquoten der Homöopathie während der zahlreichen Epidemien, vor allem bei Cholera, und ihre Erfolge in den von der Schulmedizin als hoffnungslos aufgegebenen Fällen machten sie bekannt und verhalfen ihr zur Etablierung. Für den Rest sorgten die ökonomischen und anderen Vorteile von Hahnemanns Heilkunde gegenüber der Allopathie und die nicht ausreichende medizinische Versorgung der Bevölkerung.
Allopathie und Homöopathie waren gegen Ende des 19. Jahrhunderts auf dem indischen medizinischen Markt etwa gleich stark vertreten. Trotz der anfänglichen Abneigung hat das Volk in der nachfolgenden Zeit die Schulmedizin stärker angenommen als die Homöopathie. Das beweist der heutige Marktanteil der Allopathie in Indien, der über 70 % beträgt. Am Anfang profitierte die Homöopathie von der Abneigung gegen die Schulmedizin, aber wegen der fehlenden Unterstützung seitens der Regierung konnte sie sich nicht so schnell entwickeln, wie es ihrer Leistungsfähigkeit entsprochen hätte. Im Gegensatz dazu konnte sich die Allopathie durch die tatkräftige Hilfe des Staates trotz der im Volk verwurzelten Abneigung durchsetzen und bald alle anderen Systeme bei der medizinischen Versorgung überholen. Die Schulmedizin wurde in Indien schon seit dem 18. Jahrhundert zuerst durch die britische EIC, dann durch die britische Regierung und nach der Unabhängigkeit Indiens durch die indische Regierung kontinuierlich unterstützt. Im Gegensatz dazu bekam die Homöopathie erst ab den 1950er-Jahren regelmäßige finanzielle Hilfen vonseiten des Staates.
Gegenwärtig gewinnen die alternativen Medizinsysteme, wie überall auf der Welt, auch in Indien immer mehr an Bedeutung. Diese Entwicklung könnte in Zukunft die Marktposition der Homöopathie dort verbessern helfen.