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Quellen und Studien zur Homöopathiegeschichte
Band 20

Stefan Mayr, Herstellung homöopathischer Arzneimittel. Von Hahnemann bis zu Schwabes Pharmakakopöe (1872)
KVC Verlag, Essen 2014.
ISBN 978-3-945150-29-0

Zusammenfassung

Die vorliegende Arbeit widmet sich der homöopathischen Pharmazie ausgehend von Hahnemann bis zum Erscheinen der einflussreichen Pharmakopoe Schwabes im Jahr 1872. Es steht damit nun eine medizingeschichtliche Übersichtsstudie zur Verfügung, die sich explizit mit der Herstellung homöopathischer Arzneimittel in der Frühzeit der Homöopathie beschäftigt.
Nachdem Hahnemann das Ähnlichkeitsprinzip entdeckt hatte, begann er seine homöopathische Praxis mit Arzneimitteln und Dosierungen, wie sie auch in der Allopathie des ausgehenden achtzehnten Jahrhunderts gebraucht wurden. Bald stellte er fest, dass die orthodoxe Dosislehre für die speziellen Anforderungen der Homöopathie unangemessen sei. Er begann damit, die Menge der verabreichten Arzneimittel zu reduzieren und verdünnte die Medikamente. Aus einer Abfolge von Verdünnungsschritten und mechanischer Einwirkung entwickelte Hahnemann das Potenzierungsverfahren. Die Theorie, die dabei zum Tragen kommt, besagt, dass die spezifisch homöopathische Wirkung der Arzneimittel durch das so genannte Potenzieren gesteigert werden könne. Hahnemann passte das Potenzierungsverfahren fortwährend seinem aktuellen Erkenntnisstand an. Im Rahmen seiner Untersuchungen variierte er Verdünnungsverhältnis und -medium sowie Art, Dauer und Intensität der mechanischen Bearbeitung (Dynamisation).
Der Begründer der Homöopathie gestaltete die Arzneimittelaufbereitung nach dem Grundsatz der Einfachheit. Anfangs wurden die Arzneistoffe gelöst. Verdünnung und Dynamisation fanden dementsprechend im flüssigen Medium statt. Die Aufbereitung mittels Milchzuckerverreibung war zunächst für die unlöslichen Präparate vorgesehen. Später wurde die Antipsorische Arzneibereitung, eine Kombination von C3-Trituration und anschließender flüssiger Potenzierung auf nahezu alle Arzneisubstanzen angewandt.
Wurden die Arzneimittel anfangs in Lösung verabreicht, fand Hahnemann in den Globuli, Rohrzuckerkügelchen definierter Größe, die mit potenzierter Arzneilösung benetzt wurden, eine charakteristisch homöopathische Darreichungsform.
Die sechste Auflage des Organon war Hahnemanns letztes homöopathisches Werk und stellt somit auch den Abschluss seiner Forschungen in der Pharmazie dar. In dem lange unveröffentlichten Skript finden die Fünfzigtausender-Potenzen erstmals Erwähnung.
Die Schüler Hahnemanns waren von ihrem Meister aufgerufen, die Arzneimittel selbst herzustellen und an ihre Patienten abzugeben. Da der Begründer der Homöopathie im Verlauf seiner Praxis die Vorschriften hierzu einem steten Wandel unterzogen hatte und mancher Schüler eigene Ideen und Vorstellungen zu verwirklichen suchte, entstanden mannigfaltig hergestellte homöopathische Arzneimittel. Mitunter durch das Hinzutreten solidarischer Apotheker wuchs das Bedürfnis nach einer homöopathischen Pharmakopoe. In der Folge wurde eine Reihe von Arzneimittelbereitungslehren veröffentlicht. Diese fanden mehr oder weniger große Beachtung und Bedeutung unter den Homöopathen, zwischen denen ein Glaubensstreit ausgebrochen war. Dem Apotheker Willmar Schwabe gelang es, gleichermaßen die unvereinbaren Interessen der Hahnemannianer und der von Aufklärung geprägten naturwissenschaftlich-kritischen Homöopathen in einem Werk zu berücksichtigen. Schwabes Pharmacopoea homoeopathica polyglottica konnte sich als offizielle homöopathische Arzneimittellehre behaupten und wurde zum Vorläufer des heute gültigen Homöopathischen Arzneibuches.
Diese Arbeit führt einen Vergleich zwischen den Vorschriften Hahnemanns und dem Inhalt von Schwabes Pharmakopoe durch. Hierbei lässt sich feststellen, dass Hahnemanns Anleitung zur Herstellung homöopathischer Arzneimittel nicht nur um die Bedürfnisse der naturwissenschaftlich-kritischen Homöopathen erweitert wurde, sondern dass an zahlreichen Punkten die Vorschriften Hahnemanns unberücksichtigt blieben.