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Die Körpererfahrung jüdischer Soldaten im Deutschen Reich, im Kaiserreich Österreich und in Russland ca. 1815-1918

(Bearbeiter: Oleksiy Salivon)

Gegenstand dieses Dissertationsprojekts sind die körperlichen Erfahrungen der Soldaten jüdischer Herkunft von 1815 bis 1918 in den drei großen Monarchien Europas. Ausgehend von zeitgenössischen Debatten über den „fremden“ Körper des einzelnen Juden und der ganzen jüdischen Bevölkerung Ost- und Zentraleuropas wird nach den körperlichen Erfahrungen der Juden in den jeweiligen Armeen und den Reaktionen der jüdischen und nichtjüdischen Umwelt auf den Militärdienst von Juden gefragt.
Die neuen sozialen und gesellschaftlichen Anforderungen an den Soldatenkörper haben auch neue Erwartungen an den körperlichen Zustand des einzelnen jüdischen Mannes mit sich gebracht. Die Notwendigkeit, freiwillig oder zwangsläufig in der Armee der neuen Art als Soldat zu dienen, hat die Menschen israelitischen Glaubens erstmals mit der neuen Dimension des Militärs in Kontakt gebracht. Die Gesellschaft richtete ihr Augenmerk auf die Juden, so dass diese ihren Körper und ihren Geist an die moderne militärische Umgebung anpassen mussten. Anhand der offiziellen Unterlagen der unterschiedlichen Staatsorgane (z. B. Musterungsakten und Sanitätsberichte) und der Erinnerungen der jüdischen Offiziere und Soldaten (z. B. Briefe und Tagebücher) werden die Körpererfahrungen von jüdischen Soldaten in dieser Zeit rekonstruiert. Dabei werden Themen wie Gesundheit und Krankheit und physische und psychische Erfahrungen jüdischer Soldaten behandelt.
Ziel der Arbeit ist die komplexe Untersuchung der Körpererfahrungen und des Alltagslebens der Juden im Militärdienst im 19. und den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Die einzelnen Aufgaben der Arbeit sind: das Alltagsleben im Militär und während des Militärdienstes in Bezug auf Körpererfahrungen zu rekonstruieren; der Entwicklung der Körpererfahrungen jüdischer Soldaten im Laufe des 19. Jahrhunderts nachzuspüren; die Unterschiede und die Ähnlichkeiten dieser Erfahrungen in den drei Ländern zu vergleichen. Drei theoretische Überlegungen zum Körperbegriff sind bezüglich Körpererfahrungen von jüdischen Männern als Soldaten besonders wichtig für meine Arbeit. Ich beschreibe den jüdischen Körper als diskursiven Körper, als dressierten Körper und als fremden Körper, obwohl die anderen Vorstellungen über den menschlichen Körper, wie z. B. der gepeinigte Körper, in meiner Arbeit im Laufe der Untersuchung auch einen Platz einnehmen könnten. Der jüdische Körper galt im Europa des 19. Jahrhunderts oft als ein fremder und undressierter Körper, der sich den Verhaltensnormen der ansässigen christlichen Gesellschaft anpassen musste, um zum Körper eines guten Bürgers zu werden. Militärdienst war die Schule der Disziplin und Reinlichkeit, in der die jungen jüdischen Männer durch die Arbeit an ihrem Körper für das Land und für sich selbst eine körperliche und geistige Transformation erfuhren. Von Anfang an zielten die Regierungen der drei großen Monarchien Europas sowohl auf die Integration der jüdischen Bevölkerung in ihre multiethnischen Staaten als auch auf Veränderungen der jüdischen Einstellung zum loyalen Bürger der neuen industrialisierten und aufgeklärten Gesellschaften. Die Idee, dass die jüdischen Körper die fremden Körper oder im Extremfall die Körper einer anderen Rasse seien, wurde sowohl von der jüdischen als auch von der nichtjüdischen Wissenschaft und Gesellschaft aufgenommen, geteilt oder bestritten. Im Laufe des 19. Jahrhunderts entstand der Rassendiskurs in Europa parallel zur jüdischen Emanzipation, Akkulturation und den körperlichen Anpassungen an die europäischen bürgerlichen Körpernormen.

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