Sitemap Kontakt Impressum

„Hier bin ich in der Suche nach meiner Medizin angekommen.“ Die Hinwendung von Ärzten und Heilpraktikern zur Homöopathie und ihre Ursachen

(Postdoc-Projekt, Bearbeiter: Daniel Walther)

Die medizinhistorische und -soziologische Forschung hat sich in den vergangenen Jahren intensiv mit der Frage beschäftigt, warum Patienten der konventionellen Medizin den Rücken kehren und alternativ- bzw. komplementärmedizinische Praktiken wie die Homöopathie in Anspruch nehmen. Seltener dagegen rückten die individuellen Beweggründe des medizinischen Personals (Ärzte, Heilpraktiker, Krankenschwestern und -pfleger) ins Blickfeld. Gegenstand solcher Untersuchungen waren vornehmlich die Haltung von Ärzten gegenüber der Homöopathie oder ihre Stellung innerhalb des Gesundheits- und Krankenversicherungssystems.
Im Rahmen des Postdoc-Projekts soll nun zum einen der Frage nachgegangen werden, welches spezifische Selbst- und Gesundheitsverständnis homöopathische Ärzte und Heilpraktiker ihrer medizinischen Praxis zugrunde legen. Zum anderen sind die persönlichen Motive von Interesse, die besonders Ärzte dazu veranlasst haben, ihr im Studium erlerntes naturwissenschaftlich-kausalanalytisches Denken zu hinterfragen und sich teilweise oder ganz von der Schulmedizin abzuwenden. Aufschluss darüber gewähren die insgesamt 26 autobiographischen Berichte, die dem IGM nach einem Aufruf in der Allgemeinen Homöopathischen Zeitung (AHZ) von ärztlichen und nichtärztlichen Homöopathen aus dem ganzen Bundesgebiet zugeschickt worden sind. Herangezogen werden zusätzlich 15 einseitige Kurzberichte von englischen Homöopathen, die in der Zeitschrift Homeopathy & Health unter der Rubrik „Why I became a Homeopath“ publiziert wurden. Dieses zweite Sample ermöglicht einen transnationalen Blick auf die individuellen Beweggründe von Ärzten und Heilpraktikern, die Homöopathie in ihrer Praxis anzuwenden. Der bilaterale Vergleich lässt wiederum Rückschlüsse zu, ob die Hinwendung zur Alternativ- und Komplementärmedizin als aktive Kritik am ökonomisierten Gesundheitswesen zu verstehen und damit eine Antwort auf dessen Missstände ist oder ob sie primär persönlichen bzw. berufsethischen Reflexionen geschuldet ist.
Nachdem die Analyse der deutsch- und englischsprachigen Ärztebiographien die individuellen Motive und deren Rückkopplung an gegenwärtige, übergeordnete soziokulturelle und politökonomische Prozesse offengelegt hat, können die Ergebnisse auf diachroner Ebene verglichen und historiographisch eingeordnet werden. Als Quelle bieten sich die biographischen Angaben an, die Fritz Schroers in seinem Lexikon deutschsprachiger Homöopathen zusammengetragen hat. Ebenso werden einzelne ausgewählte Autobiographien konsultiert, um Näheres über die spezifische Motivik in Erfahrung zu bringen, die Ärzte im 19. und 20. Jahrhundert bewogen hat, trotz aller Widerstände der akademischen und später der naturwissenschaftlich ausgerichteten Medizin den Rücken zu kehren.

Kontakt