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Samuel Hahnemann Krankenjournal DF2 (1836-1842)

Krankenjournal DF 2. Transkription und Übersetzung von Arnold Michalowski.
K.F. Haug-Verlag: Heidelberg 2003.
ISBN 3.8304-7115-7, EUR 99,00


Bieten die deutschen Journale Hahnemanns ihren Bearbeitern schon hinreichend Probleme aufgrund der teilweise schweren Lesbarkeit, der zahlreichen Abkürzungen und der ihre Bedeutung zum Teil wechselnden Symbole, so besteht für die Forschung hierzulande bei den letzten 17 Journalen zusätzlich eine Sprachbarriere; denn Hahnemann verfaßte sie, seit er sich 1835 mit seiner zweiten Frau Mélanie in Paris niedergelassen hatte, in französischer Sprache. Und gerade die Pariser Jahre, in denen der über Achtzigjährige nach wie vor experimentierte, waren bislang mehr oder weniger unerschlossenes Terrain der Homöopathiegeschichte.

Nicht zuletzt deswegen wurde die Edition der französischen Krankenjournale als Textedition des französischen Originals mit deutscher Übersetzung konzipiert. Mit der Edition des Krankenjournals DF 2 liegt nun ein weiteres Journal aus der Zeit von 1836 bis 1842 vor. Es ist in der Zeit entstanden, als die von Samuel und Mélanie Hahnemann gemeinsam geführte Praxis schon derart florierte und insbesondere wohlhabende Patienten des In- und Auslandes anzog, daß das frischvermählte Ehepaar bereits den ersten Pariser Wohnsitz am Jardin du Luxembourg verlassen und in eine geräumigere Wohnung in der Rue de Milan umziehen konnte. Konsultationen im Hause des Arztes, wie bei den Hahnemanns üblich, waren in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch keineswegs verbreitet. In der Regel suchte damals der Arzt seine Patienten in deren Wohnung auf, wobei vor allem reiche Patienten lange den Vorzug genossen, den Arzt in ihr Haus bestellen zu können.

Mélanie Hahnemann hatte sich rasch in die Homöopathie eingearbeitet, hielt mit ihrem Mann zusammen Sprechstunden und nahm häufig die Eintragungen ins Krankenjournal vor, wie ein Blick auf die zwei unterschiedlichen Handschriften im DF 2 deutlich erkennen läßt. Therapeutische Probleme, mit denen sich die Hahnemanns zu dieser Zeit befaßten, waren unter anderem die Potenzierungen, genauer: die Hochpotenzen, aber auch die chronischen Krankheiten, d. h. die Bekämpfung der ›Urmutter der chronischen Krankheiten‹, der Psora, mit Hilfe von Sulphur, Hahnemanns wichtigster antipsorischer Arznei.

Nimmt man Einblick in die Praxis des Ehepaars Hahnemann, so zeigen sich erhebliche Diskrepanzen zur homöopathischen Theorie, wie sie sich in den zu Hahnemanns Lebzeiten veröffentlichten Schriften findet, insbesondere was die Häufigkeit der Arzneigabe, das Gebot der Verabreichung von nur einem Medikament und die Applikationsformen angeht. So gewähren Transkription und Übersetzung Einblick in Hahnemanns therapeutisches Vorgehen in seinen späten, für die Forschung bislang dunkelsten Jahren.

Die zugrundeliegende Quelle, das Krankenjournal DF 2, hat im Original das Format 16,5 cm x 21 cm x 2,5 cm und ist in einen 3 mm starken marmorierten Pappband gebunden, dessen Rücken und Ecken mit braunem Schweinsleder eingefaßt sind. Der Buchrücken trägt keine Aufschrift. Auf der Umschlagsinnenseite findet sich links oben ein Herstellerschild mit der Aufschrift »A la Providence / Carrefour de l’Odéon 10 / CHOISNEL / Tient Magasin de Papiers / Articles de Dessin et de Bureaux / Fait la Relieûre de Musique / A PARIS«, rechts daneben der Eintrag von Mélanie Hahnemanns Hand in schwarzer Tusche »Mr. le Capitaine Lombart - au dépot de la guerre / Rue de l’université 6 f - a demandé un homoeopathe / pour la femme je l’envoie chez Luther« sowie darunter ein Eintrag der Arzneien: »D - Ferrum / Senega / Verbascum / Stannum / Euphorbia / arnica«. Danach folgt ein Eintrag von Dr. Richard Haehl, dem Hahnemann-Biographen.

Das Papier ist gut erhalten, jedoch vergilbt. Das Journal beginnt auf dem ersten Blatt mit einem unvollständigen Patientenregister und einem nachträglich hinzugefügten Bleistifteintrag auf Z. 39: die Jahreszahl 1836. Die Blätter sind durchgehend und beidseitig bis Seite 283 paginiert. Die Paginierung stammt von Hahnemann bzw. seiner Frau Mélanie und beginnt im umgekehrten Zählstil auf Blatt 2 mit der Seitenzahl 2, der eigentlichen Seitenzahl 3. Die Aufzeichnungen sind durchgängig in lateinischer Schreibschrift mit schwarzer Tusche geführt, ganz im Gegensatz zu den deutschen Journalen, in denen Hahnemann die gotische Kurrentschrift benutzte. Die Schrifthöhe bewegt sich zwischen 1 und 5 mm. Der Journaltext wirkt in seinem äußeren Erscheinungsbild nicht ganz so unruhig, unübersichtlich und skizzenhaft wie in den deutschen Journalen. Der Grund liegt in einer veränderten Journalführung.

Als Hahnemann im hohen Alter von 80 Jahren nochmals heiratete und mit seiner jungen, 35jährigen Frau nach Paris übersiedelte, änderte er auch den Stil seiner Krankenjournale. Hatte er bis zu seiner Abreise aus Köthen die Behandlung seiner Patienten chronologisch unter dem jeweiligen Datum eingetragen, so versuchte er nun, zusammenhängende, patientenorientierte Krankengeschichten zu erstellen. Dies geschah, indem er nach der ersten Konsultation eine oder mehrere Seiten freiließ, um dort den weiteren Verlauf von Krankheit und Therapie zu dokumentieren. Brach ein Patient die Behandlung vorzeitig ab, nutzte Hahnemann den freigehaltenen Platz für Notizen über andere Patienten. Dabei trennte er die verschiedenen Anamnesen durch einen dicken Querstrich über die ganze Seite voneinander. Dieser Umgang mit freien Notizflächen führte vereinzelt dazu, daß sich spätere Eintragungen eines Patienten nicht unbedingt chronologisch in einem weiteren Journal fortsetzen, sondern in demselben Journal weiter vorn auftauchen. Mit Hilfe von Vor- und Rückverweisen behielt Hahnemann dabei die Übersicht. Trotz neuer Systematik fügen sich Ergänzungen, Querverweise, Unterstreichungen, Kommentare und Zeichnungen um, an und zwischen die in ihrer Ausführlichkeit stark variierenden Krankenberichte. Auch das vorliegende französische Krankenjournal behält den Charakter einer Kladde, einer vorläufigen Niederschrift. Die Eintragungen erstrecken sich über den Zeitraum von 1836 bis 1842.

Im DF 2 sind, abgesehen von den Namenseintragungen einiger Patienten, zwei Handschriften zu unterscheiden. Wie schon erwähnt, handelt es sich bei der zweiten Handschrift um die Mélanie Hahnemanns, die in Transkription und Übersetzung kursiv gesetzt ist.

Die Übersetzung hat den Charakter einer Arbeitshilfe, sie kann das Original nicht ersetzen, sondern soll lediglich den Zugang erleichtern. Umständlichere Wortwörtlichkeit in der Übersetzung wurde einer kongenialen Form zum Original vorgezogen, dabei waren Probleme der terminologischen Genauigkeit der Übersetzung wichtiger als stilistische Fragen. Die problematische Interferenz französischer Termini wie z. B. - transpiration oder crise - wurde im Deutschen durch gleichlautende Ausdrücke - Transpiration und Krise - wiedergegeben.

Abweichend von der Transkription und von den Editionsrichtlinien konnte die Originalzeilenzählung in der Übersetzung nicht vollständig übernommen werden, aus technischen Gründen wurde sie nur partiell als Orientierungshilfe weitergeführt. Im übrigen wurde die Übersetzung nach denselben Richtlinien verfaßt wie die Transkription. Unterstreichungen, der Telegrammstil sowie die Zeichensetzung wurden beibehalten, wenn möglich wurde nichts hinzugefügt. Englische und italienische Begriffe wurden übersetzt. Die terminologische Abstimmung ist aufgrund der regelmäßigen und ausführlichen deutschen Einschübe Hahnemanns in den Journaltext (Symptomenauflistung mit entsprechender Medikation) größtenteils gesichert, dank dieser Tatsache waren wesentliche Übersetzungsfragen gelöst. Nur selten fanden sich mundartliche Formen in den deutschen Einschüben (wie z. B. »Nachtburnen« für Nachturin). Probleme beim Übersetzen gab es infolge des schon erwähnten Telegrammstils der Texte bei bisemantischen Begriffen, die in ihrer Bedeutung nur aus dem Zusammenhang einer Krankengeschichte eines Patienten oder aus Parallelstellen in anderen Krankengeschichten erschlossen werden konnten.

Unstimmigkeiten traten gelegentlich auf, wenn Begriffe ähnlicher Lautung, die im Französischen besonders verbreitet sind, falsch geschrieben waren.
In seinen Verordnungen schreibt Hahnemann sehr oft: »hier« danach die Medikation z. B. »Sulph. R.« (R. für respirer oder riechen). Inmitten eines französischen Zusammenhangs würde man sofort an »hier« = gestern denken. Da Hahnemann seine Patienten jedoch auch in seiner Sprechstunde Schwefel inhalieren ließ und dies mit dem Vermerk »hier« im Sinne von »in der Sprechstunde« versah und nicht, wie zu erwarten gewesen wäre, mit dem französischen »ici«, bleibt manchmal eine nähere Bestimmung offen.

Der Anhang enthält die Transkription und Übersetzung ausschließlich der Briefe, losen Konsultationsberichte und Notizen (sie waren ursprünglich von Hahnemann ins Krankenjournal eingelegt oder eingeklebt), deren Fundort bei Beginn der Bearbeitung mit Sicherheit festgestellt werden konnte. Andere lose Briefe und Notizen waren bereits früher ausgegliedert worden. Zwar gibt es vereinzelt Hinweise Hahnemanns auf weitere Briefe und Notizen im Journaltext, die Zusammenführung der Fundstücke mit dem Krankenjournal wird jedoch, soweit es sich um Patientenbriefe handelt, erst mit der Fertigstellung der Patientendatenbank aufgrund der dann kompletten Daten möglich sein. Im übrigen gilt editorisch für die Texte im Anhang dasselbe wie für den gesamten Journaltext.

Bei der Beschäftigung mit Hahnemanns Praxis, wie sie sich im Journal DF 2 widerspiegelt, wird sich der Leser zweifellos manche Frage nach inhaltlichen Zusammenhängen stellen, auf die er in einer reinen Textedition keine Antwort findet. Hier kann nur auf den Kommentar von Karl-Otto Sauerbeck verwiesen werden, der zu zahlreichen Aspekten des Textes sehr nützliche Analysen, Sachregister und Tabellen enthält. Dasselbe gilt für die Arbeiten Rima Handleys. Auch die Studien zur Anwendung von Q-Potenzen in Hahnemanns Pariser Zeit, von Urbiratan Adler, seien in diesem Zusammenhang erwähnt.

Arnold Michalowski