Männer als Patienten: Krankheitsverhalten von Männern im ländlichen Raum in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts am Beispiel der Praxisjournale des Südtiroler Landarztes Franz von Ottenthal
Das Erkenntnisinteresse wird von der Frage nach den Konsultationsgründen männlicher und weiblicher Patienten auf der einen und nach der geschlechterspezifischen Diagnostik durch den Arzt auf der anderen Seite geleitet und orientiert sich an der Arbeitshypothese, dass zeitgenössische Vorstellungen von hegemonialen bzw. marginalisierten Männlichkeiten das Krankheitsverhalten der männlichen Bevölkerung in dieser Region (mit)bestimmt haben. Dabei wird, ausgehend von den in der neueren Geschlechterforschung geführten Debatten um Differenz, nicht von „den“ Männern als Gesamtheit gesprochen, sondern von mehreren, die gesellschaftliche Wahrnehmung von Geschlecht mitbestimmenden Kategorien ausgegangen.
Die spezielle Struktur der Ottenthalschen Praxisjournale als Quellengrundlage für die in der Dissertation behandelten Fragestellungen legt nahe, neben dem Geschlecht dabei hauptsächlich nach dem Alter (im Sinne von spezifischen Lebensphasen) und dem Zivilstand zu differenzieren.
Die immense Datenmenge der über 50 Jahre hindurch geführten Aufzeichnungen Ottenthals macht zudem die Eingrenzung auf einzelne Zeitabschnitte erforderlich, nicht zuletzt um im direkten Vergleich Kontinuitäten und Brüche im männlichen Inanspruchnahmeverhalten sichtbar werden zu lassen. Für diese vergleichende Perspektive wurden zwei Jahrzehnte ausgewählt: die Jahre von 1860 bis 1869 für die „Mittelphase“ und jene von 1890 bis 1899 für die „Endphase“ der Arztpraxis.